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Und verstehen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

on 18. Februar 2011 - 10:43

Fehldiagnosen, miserable Kommunikation, Spezialisierungs- und Hightechwahn: "Wenn Ärzte irren – Risiko Fehldiagnose" war kürzlich Titelthema von "Der Spiegel". Die These: Zeitmangel, Technikverliebtheit und die Unfähigkeit vieler Mediziner, mit den Patienten zu reden, führten immer wieder zu falschen Behandlungen mit zum Teil erschreckenden Folgen. In der Tat scheinen Studien zu belegen, dass die Kommunikation zwischen Medizinern und "Normalos" verbesserungswürdig ist. In Heidelberg lässt man die angehenden Ärzte Patientengespräche bereits mit Schauspielern trainieren. Aber warum sind die Mediziner so schwer zu verstehen? 

Wie geht's uns denn heute?

Das schreibt "Der Spiegel" (Nr. 7/14.2.11, S. 120 ff.): 15 Prozent der Diagnosen sind falsch, sowohl in Praxen als auch in Kliniken. Und weiter: In den USA sterben in Folge von Fehldiagnosen jedes Jahr rund 80.000 Menschen. Zahlen für Deutschland gibt es nicht, aber die Auswertungen von Obduktionsberichten in Görlitz und Kiel lassen nichts Gutes erahnen. In Görtlitz kam man zu dem Ergebnis, dass Leichenschau-Diagnose und Obduktionsbericht in über  37 Prozent der Fälle auseinander lagen. Kiel erstellte ein Ranking der nicht erkannten Krankheiten: 60 Prozent der Lungenembolien wurden übersehen, 48 Prozent der Entzündungen, 28 Prozent der Krebserkrankungen und 22 Prozent der Herzinfarkte.

Es mag absurd klingen, dass in Zeiten hoch moderner Diagnoseverfahren ernsthafte Erkrankungen so häufig übersehen werden. Die Hauptursache dafür aber sind mangelnde Zeit für das einfache Patientengespräch und das blinde Vertrauen auf die Wunder der Technik. Eine Studie der Universitätsklinik Freiburg hat ergeben, dass Ärzte im Krankenhaus durchschnittlich vier Minuten und 17 Sekunden mit einem Patienten reden. Durchschnittlich schafft der Mensch etwa 100 Wörter in der Minute. Aufgeteilt auf Arzt und Patient macht das knapp 200 Wörter pro Nase, nicht viel – vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Wörter allein schon für die Fachdiagnose drauf gehen: Klicken Sie mal hier!

Schön auch dieser Arzt-Patienten-Dialog, gefunden im Pflegewiki zur Illustration des kommunikationswissenschaftlichen Nachrichtenquadrats von Friedmann Schulz von Thun.

Arzt: Guten Morgen! Also ihr Entzündungswert ist in Ordnung.
Patientin: Nein, der ist nicht in Ordnung! Das fühlt sich nämlich so an, als ob ich Kartoffeln unter den Füßen habe.
Arzt: Ich weiß nicht, ob Sie mich verstanden haben, der Entzündungswert ist in Ordnung.
Patientin: Nein, das kann nicht sein, da ich da hinten am Rücken so einen Hubbel habe.
Arzt: Wie kommen Sie denn mit den Therapien zurecht?
Patientin: Ja, muss ja!
Arzt: Legen Sie sich mal hin. Nein, legen Sie sich ruhig auf den Rücken, nicht auf den Bauch. So nun strecken Sie bitte das linke Bein. (Patientin beugt das Bein) Nein, das ist beugen. Sie müssen das Bein lang machen. Und nun versuchen Sie mal das Bein in der Luft zu halten.
Patientin: Oh nein das kann ich nicht!
Arzt: Versuchen Sie es mal, wenn ich meine Hand nun los lasse. (Patientin kann das Bein kaum halten, es sinkt langsam)
Patientin: Sehen Sie! Das habe ich doch gesagt, dass ich das nicht kann!
Arzt: Gut ok. Brauchen Sie denn auch einen Rollator für zu Hause?
Patientin: Ja auf jeden Fall, anders geht das doch sonst nicht!
Arzt: Laufen Sie doch bitte einmal mit dem Rollator durch das Zimmer.
Patientin: Sie sind gut, das ist gar nicht so einfach!
Arzt: Kriegen Sie das denn mit dem Treppensteigen schon gut hin?
Patientin: Also wir haben ein großes Haus und vor dem sind keine Stufen. (Arzt guckt verwirrt und geht nicht weiter darauf ein)
Arzt: Hilft Ihnen denn jemand zu Hause? Z.B. beim Einkaufen?
Patientin: Mein Mann ist schon 70.
Arzt: Sorgt denn jemand für Sie?
Patientin: Mein Mann ist auch schon 10 Jahre in Rente.
Arzt:Kann Ihr Mann Ihnen denn zu Hause helfen?
Patientin: Hm… ja, anders geht es nicht.
Arzt: Gut, dann sind wir für heute fertig. Denken Sie denn, dass sie es bis zum 18.10. hier aushalten?
Patientin: Ja, muss ich doch!
Arzt: Da haben Sie Recht. Auf Wiedersehen.
Patientin: Tschüss.

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